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Lachende Täter, zitternde Zeugen

Vor 50 Jahren wurde der Auschwitz-Prozess ins Bürgerhaus Gallus verlegt. Die Angeklagten schienen da noch immer die Herren zu sein. Im Frankfurter Arbeiterstadtteil blieb die Resonanz aus. Zeitzeugen erinnern sich bei einer Gedenkveranstaltung.

Die Dame mit der Handtasche (re.) hatte viele Fragen: Prozesspause mit der Überlebenden Trude Simonsohn vorm Haus Gallus

Es war der 32. Verhandlungstag, als Richter Hans Hofmeyer den Auschwitz-Prozess erstmals im nagelneuen „Bürgerhaus Gallus“ eröffnete. Der alte Frankfurter Arbeiterstadtteil rückt schlagartig „in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit“, wie anderntags in der Zeitung steht.

 

Von diesem Freitag an, dem 3. April 1964, bis zum 20. August 1965 wird das so bleiben, weitere 151 quälende Verhandlungstage hindurch. Wie zuvor und seit Dezember 1963 im Plenarsaal des Römer, ist „das Nachrichtenzentrum für die Journalisten von der Bundespost mit Telefonen, Schreibmaschinen und Fernschreibern reichlich ausgestattet“. Nach dem Eindruck des Berichterstatters der „Frankfurter Neue Presse“ passt „die Atmosphäre des mit Klinker und Eichenholz ausgekleideten Sitzungsraums zum Charakter dieses Prozesses: streng und ernst“.

 

KZ und Prozess

 

Das Konzentrationslager Auschwitz, 50 Kilometer entfernt von Krakau, umfasste ein Sperrgebiet von 40 Quadratkilometern. Es bestand aus einem Stammlager (Auschwitz I), aus Auschwitz-Birkenau und Auschwitz-Monowitz, dem Zwangsarbeiterlager.

 

Am ersten Prozesstag im Gallus steht die Beweisaufnahme gegen Oswald Kaduk im Mittelpunkt, der in Auschwitz „Block- und Rapportführer im Rang eines SS-Unterscharführers“ gewesen war. Der Zeuge Rudolf Steiner, „ein breitschultriger, dunkelhaariger Wiener“, der als „politischer Häftling“ im Konzentrationslager eingesperrt war, belastet den Angeklagten laut Prozessbericht schwer. Er bezeugt eine „Selektion“, bei der Oswald Kaduk 1943/44 etwa 200 Menschen „mit einer Handbewegung“ für den Tod in der Gaskammer aussonderte.

 

Der Angeklagte ruft dazwischen, er redet den Richter als „Herr Direktor“ an. Er behauptet, er habe „nur manchmal“ und „nur auf Befehl“ Menschen ins Gas geschickt. Kaduk spricht gern von sich selber als „meine Wenigkeit“.

 

Prominente Zuhörer

 

Es wird gegen 21 Angeklagte verhandelt, elf davon sind auf freiem Fuß. In Mantel und Hut sieht man die Männer in jenem April eilig die Frankenallee durchmessen. Als sie den Fotografen der Agentur UPI wahrnehmen, halten sie sich ihre Aktentaschen vor die Gesichter.

 

Am 33. Verhandlungstag, dem zweiten im Bürgerhaus, belässt es Oswald Kaduk nicht mehr mit Zwischenrufen, er schreit in den Saal: „Ich lasse mich nicht beleidigen!“ Die Frankfurter Rundschau erreicht danach ein Leserbrief von „W. Berg“ aus Hanau: Der ehemalige Rapportführer Kaduk habe „das Gesetz nicht vergessen, unter dem er angetreten ist“. Demnach hätten Juden und Kommunisten, „vor allem aber Juden“ damals „als ausgeschlossen und vogelfrei“ gegolten. „Sie zu misshandeln und zu töten, war geradezu Pflicht, und Leute vom Schlage Kaduks nahmen es mit der Pflichterfüllung sehr genau“, äußert sich Briefschreiber Berg.

 

Es gibt prominente Zuhörer, die einen der 142 Publikumsplätze im Bürgerhaus einnehmen. Den Schriftsteller Arthur Miller haben Reporter da sitzen sehen. Thomas Dodd, früherer Ankläger im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, ist einen Tag da. Der Autor Horst Krüger trägt seine Eindrücke abends in den Club Voltaire. Marieluise Kaschnitz setzt sich „weit hinten hin und wartete zaghaft auf den Augenblick, in dem die Angeklagten ihre Plätze einnehmen würden“. Die Dichterin registriert, dass die Beschuldigten „die kleine Holztreppe heruntergepoltert kamen wie eine Schulklasse, sich anstießen und lachten“, was sie das „auch während der Verhandlung immer wieder taten“. Kaschnitz sieht „Zeugen zitternd ihren ehemaligen Peinigern gegenüberstehen“ und registriert: „Die anderen, die doch jetzt Häftlinge waren, schienen noch immer die Herren zu sein.“

 

Kaum Resonanz hat der Prozess draußen im Viertel. „Ein Prozess, der wie auf einer Insel stattfindet“, beobachtet „Bastian“, der Lokalkolumnist der Frankfurter Rundschau, das „absurde Stück im neuen Haus mit Bühne“. Er hofft und fragt: „Wird sich nicht alles auflösen wie ein Spuk?“


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